Ontheground (translated into German by Karin Hanna)

Vor Ort und zu Besuch bei Teach North Korean Refugees (Seoul, Südkorea)

September 26, 2015 / Übersetzung des Interviews von Author: Ida Knox, Editor: Dylan Kolhoff

Casey Lartigue erfüllt den Raum mit seiner Stimme und Aufrichtigkeit, als wir uns für das Interview bereitmachen. Es tut gut, nachdem ich mich seit meiner Ankunft in Seoul auf koreanisch zu verständigen versuche, seine englischen Worte zu hören. Seoul, Südkorea, dort ist Teach North Korean Refugees (TKNR), eine Organisation auf Lartigue’s basierender Gründungsidee, zu Hause

 

Casey Lartigue
Casey Lartigue

“Ich kam mir vor wie eine Art Anwalt für den Frieden auf einer Cocktail Party,” sagt Lartigue. Der graduierte Harvard Absolvent, mit eigener Expertise im Fachbereich für Lehrtätigkeit, erinnert sich mit einem halben Lächeln an den Beginn der ewigen Frage, wie lässt sich mit dem Thema Nordkoreanische Flüchtlinge umgehen. Am 1. März 2012 wurden ca. 30 Nordkoreanische Flüchtlinge in China gefasst und waren bereits für die Auslieferung zurück noch Nordkorea vorgemerkt. Das traf ihn tief ins Mark und er fing an sich an Protestbewegungen zu beteiligen. Während einer Demonstration traf er den bekannten südkoreanischen Aktivisten Park Sun-young in der Mitte eines Hungerstreiks. Stark inspiriert, war das der Anfang auf dem Weg „etwas zu tun um zu helfen“. Im Gegenzug erhielt er ein „virtuelles Kopftätscheln“.

“Es dreht sich vor allem um Engagement /ownership auf lokaler Ebene”

-Casey Lartigue

Lartigue war kein Fremder wenn es darum geht, etwas zurückzugeben, selbst an die Flüchtlinge, aber den richtigen Weg zu finden um seinen grossen Leitspruch wahr werden zu lassen, war eine Herausforderung. Letztendlich war die Idee TNKR zu gründen keine plötzliche Erleuchtung, sondern hat sich eher von selbst entwickelt. Lartigue arbeitet als Internationaler Berater für die Mulmangcho Schule, eine Schule im Süden von Seoul, die die Kinder von Nordkoreanischen Flüchtlingen unterrichtet. Durch sein Mitwirken dort war er den Flüchtlingen bekannt und über lange Zeit wurde er persönlich von den Erwachsenen gebeten, ihnen doch Englischunterricht zu geben. Trotz seiner Lehrerfahrung in Korea, sieht Lartigue sich nicht als Lehrer und lehnte viele dieser Anfrangen ab. Es dauterte eine Weile (bis 2013) bis er die Erkennniss mit seinem Ego vereinbaren konnte, dass es dabei nicht um ihn als besondere Person ging, weswegen die Flüchtlinge lernen wollten, sondern sie fragten in erster Linie, weil sie unbedingt Englisch lernen wollten. Das war die Geburtsstunde für Teach North Korean Refugees, im März 2013.

 

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Casey Lartigue and Dylan Kolhoff

TNKR arbeitet in einem monatlichen Rhytmus mit ca. 10 Nordkoreanischen Flüchtlingen als Studenten und 15 Sprachlehrern zusammen, obwohl diese Zahl im letzten Monat seitens des Lehrerangebots stark überschritten wurde. Es waren über 29 neue Sprachlehrer, die sich dem Programm angeschlossen hatten. Die Sitzung dient in erster Linie um die Studenten und Sprachlehrer zusammenzubringen und miteinander für den darauf folgenden Sprachunterricht zu vermitteln. Dies hatte am Anfang der Gründungsgeschichte schon fast zu dem Aus geführt. Noch in den ersten Sitzungen hatten Lartigue und seine Mitgründerin Eunkoo Lee versucht dabei zu helfen, die Flüchtlinge und Sprachlehrer zusammenzubringen. Kurz darauf allerdings, änderte Lartigue das Konzept dahingehend, dass die Flüchtlinge die Eigenständigkeit  und Verantwortung haben, sich ihre Sprachlehrer selbst auszusuchen. Diese Idee war nicht einfach umzusetzen, da die Nordkoreanischen Flüchtlinge diese Autonomie und Freiheit nicht kannten und schwer damit umgehen konnten. Trotzdem hat sich dieses System mittlerweile erfolgreich umgesetzt und der Erfolg spricht Bände, eine Warteliste von über 50 neuen Flüchtlingen, die darauf warten, mittels TNKR, Englisch lernen zu können. Die Idee war, dass die Flüchtling Studenten aus 2 Programmbausteinen auswählen können. „Finde meinen eigenen Weg“ oder „Ich erzähle meine eigenen Lebensgeschichte“, beide darauf fokussiert, die englische Sprache zu erlernen bzw. zu verbessern. Casey Lartigue unterstützt nochmal den Gedankenansatz, „ die Aufgabe liegt bei dem Flüchtling Studenten“. Die Arbeit besteht schon darin, seine Englisch Lehrer selber auszusuchen, die Anzahl der Lehrer für sich selbst zu bestimmen, die Unterrichtszeiten festzulegen und eine Teilnahme von midestens 2 mal 90 Minuten Unterricht ist verpflichtend.  Die Vorschrift einer Mindestteilnahme scheint jedoch was die Erfahrung anbelangt, überflüssig. Der Durschnitt der Nordkoreanischen Flüchtlinge hat in der Regel einmal in der Woche Unterricht, teils mit Anreisezeiten von fast 2 Stunden mit dem öffentlichen Nahverkehr, inklusive mehrfachen Umsteigen und Bahnwechsel, in Seoul.

Die Sprachlehrer sind nicht weniger enthusiastisch und machen von ihrer Seite möglich was geht. Hightlight war ein Sprachlehrer, der monatlich von der nahegelegenen Insel Jeju angeflogen kam. Die Nachfrage innerhalb des Programs hatte schnell die ersten Grenzen erreicht, auch die räumlichen Kapazitäten waren beschränkt, teils wurden während regulärer Bürozeiten und meetings parallel erste Unterrichststunden mit einem auf der Warteliste stehenden Studenten im Nebenraum angeboten.

Verlassen wir das Thema der Geschichte von TNKR um einen kurzen Einblick in das Unterrichtsgeschehen vor Ort zu bekommen. Es ist die allererste Unterrichtsstunde für den Flüchtling Studenten und erst die zweite Stunde für den Sprachlehrer. Es wird zwischendurch etwas anstrengend in der Kommunikation und Lartigue schaltet sich unterstützend ein, mit seinen Anfänger- Basiskoreanisch weiterzuhelfen und beim Versuch „Ich tanze gerne“ in dem Raum herumwirbelt. Dieses Erlebnis ist ein Beispiel des sehr individuell gestalteten Unterrichts, aber auch eine Methode um sich auf die wachsenden Bedürfnisse der Studenten Englisch zu lernen, einzustellen. Doch Lartigue weist noch auf einen anderen Punkt hin, der eine der größten Herausforderungen für TNKR darstellt.

 

Bridget und ihre Studentin

“Es ist ein Muss, dass die Leute in unserer Organisation keine Passivität an den Tag legen. Die Frage “Wie kann ich helfen?” ist die häufigste und für Lartigue mittlerweile die nervigste Frage, wo sein freundliches Wesen mir gegenüber leicht ins Wanken gerät. „Man muss nicht unbedingt selbst unterrichten um zu helfen“ sagt Lartigue, „aber betrachte welche eigene Rolle Du hierbei spielen kannst. Was sind Deine Stärken? Tue die Dinge, die Du gut kannst.“ Das Betätigungsfeld ist dabei riesig. TNKR sucht verzweifelt nach einem Marketing Team, wir können immer von Web Designern profitieren, Personen mit rechtlichen Kenntnissen und Business Hintergründen sind ebenfalls sehr willkommen. Im Prinzip gibt es nichts was Lartigue als potentielle Voluntär Kategorie grundsätzlich ausschliessen würde. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Aber, es geht darum, für sich das Richtige und Passende zu finden, abhängig von dem, der man ist. Zum Beispiel, wenn Du der nächste Bill Gates bist, ist der beste Weg zu helfen, Geld zu spenden! Seine zweite Frustration die hier aufkommt, ist das Thema Finanzen, ein üblicher Mangel in der Welt der non-profit Organisationen.

TNKR ist schnell aus seinem ursprünglichen Büroplatz der Bitcoin herausgewachsen, ein kleines, aber gut beleuchtetes Büro im 3. Stock in Nähe der Itaewon U-Bahn Station. TNKR erhält keine staatlichen Zuwendungen, da es die Freiheit, das Program und die Ziele gemäß der stetigen wachsenden und sich verändernden Bedürfnisse eigenständig zu gestalten, bewahren will. Das Program finanziert sich ausschließlich durch Spendenaufrufe und -beiträge innerhalb der Beteiligten. Die Sprachlehrer arbeiten alle ehrenamtlich, d.h. ohne Vergütung, und trotz allem gibt es mehr Voluntäre als das Center zur Zeit kapazitätsmässig bewältigen kann. Büromieten müssen regelmässig bezahlt werden. In einem System, wo NGO mit Korruptionen Schlagzeilen gemacht haben, wollen Menschen mitterweile ganz genau wissen, wo ihre Spenden hingehen und wofür sie verwendet werden. Lartigue, der mittlerweile über 10.000 $ selbst in die Organisation miteingebracht hat, versteht diese Bedenken, aber bedauert die Auswirkung. Bezugnehmend auf den Skandal mit United Way, besteht er darauf, dass man eine 10.000$ Organisation nicht mit einer 10 Millionen $ Organisation vergleichen kann und soll. Er versteht, dass NGOs teils nicht ganz unbeteiligt daran sind, aber er sorgt sich um den Weiterbestand an Spenden und Zuwendungen für TNKR. Sein Rat? “Spende für das, was Du verstehst.“

Während wir auf die englische Unterrichtsstunde gewarten haben, haben wir kurz eine Voluntärin kennengelernt. Jungming, „Jenny“ Lee, eine südkoreanische Studentin, selbst in Vorbereitung auf ihr Jurastudium, die als sogenannte Überbrückungs Sprachlehrerin für die Studenten, die sich auf der Warteliste befinden, fungiert, bis sie ihre eigenen Sprachlehrer auswählen können. Sie zitiert das Buch „Nothing to Envy“ von Barbara Demick als den Grund, woduch sie zum ersten Mal erwägt hat, sich persönlich für Flüchtlinge zu engagieren. Allerdings tut es ihr leid, dass es erst einen westlichen Vorreiter für sie brauchte, um das zu erkennen.

„Ich schätze das Buch sehr, sagt sie, aber es ist sehr traurig, dass es von einer westlichen, weißen Person geschrieben wurde, ebenso Casey, denn auch er ist Amerikaner. Ich weiß, wir sind „Eine Nation, ein Volk“, aber viele Südkoreaner haben immer noch ein stereotypes Vorurteil über Nordkoreaner und ich war eine von ihnen.“ TNKR hat meine Ansichten und Perspektiven verändert.

 

So wie sie sagt, der Abstand zwischen ihr und den Nordkoreanern ist jetzt weg. Jenny erzählt, dass sie mit dem Nordkoreanischen Flüchtlingsstudent in fast allen Bereichen zusammengearbeitet hat, vom Erlernen des ABC´s bis hin zur Vorbereitung von Bewerbungsgesprächen bei der Juristischen Fakultät. „Er ist jetzt mein eigener Konkurrent“, lacht sie.

 

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Jungming “Jenny” Lee

Während Jenny noch über den positiven Einfluss von TNKR´s „Wiedervereinigung im kleinen Bereich“ auf ihre eigene Einstellung über Nordkorea hatte, was sowohl die Flüchtlinge anbelangt, als auch die Menschen die noch in Nordkorea leben, spricht, ist der Unterricht beendet und wir gehen raus um die Nordkoreanische Flüchtlingsstudentin und ihr Sprachlehrerin zu treffen. Die Studentin möchte, viele viele, unerkannt und anonym bleiben. Es ist gefährlich auf Bildern oder namentlich online aufzutauchen, da viele Flüchtlinge mit denen TNKR zusammen arbeitet, offiziell in Nordkorea als tot gelten und keine Aufmerksamkeit erregen wollen, um die Sicherheit von Familienmitgliedern, die sich noch in Nordkorea befinden, nicht zu gefährden. Jenny bietet uns außerdem ihre Übersetzungsdienste an.

Die Flüchtling Studentin ist eine hübsche, gut gekleidete Frau mit angenehmer Stimme und schaut uns ein bißchen nervös an, unsicher, an ihrem ersten Unterrichtstag befragt zu werden. Wir versichern ihr, dass die Bilder von ihr komplett verpixelt, d.h. unerkennbar sein werden. „Ich lerne Englisch um gut darin zu sein“, übersetzt Jenny. Sie hatte seit jeher Interesse, Englisch zu lernen. Ihr Unterricht in Nordkorea war sehr elementar und als sie durch einen Freund von TNKR gehört hat, war sie über die Gelegenheit im Einzelunterricht Englisch zu lernen, begeistert. Ihre erste Stunde verlief gut und sie war hochmotiviert.

„Wie lange möchtest Du weiterhin zum Englischunterricht kommen?“

„Solange wie ich hier herkommen darf.“

Ihre Einstellung bestärkt Lartigues Zuversicht, dass die Nordkoreanischen Flüchtlinge bereit und in der Lage sind, ihre englische Weiterbildung selbst in die Hand zu nehmen.  Ihre Sprachlehrerin sagt sie, war sehr verständnisvoll, ein Charakterzug, der ihr für einen Lehrer besonders wichtig ist. Nachdem wir ein paar Minuten mit Bridget gesprochen haben, muss ich zustimmen. Sie scheint Beides zu sein, kompetent und einfühlsam. Auch wenn ihre Lehrerfahrung bislang auf Konverstationsenglisch für Französinnen begrenzt war, freut sich sich über die neue Gelegenheit zu voluntieren mit einer Aufgabe, die ihr klar ist.  Es ist etwas, dass einfach kommt, so scheint es, in dem Umfeld einer kleinen Organsiation auf persönlicher Ebene. „Warte nicht und sitze rum. Komm rein und arbeite“. Das ist es, was zählt.

 

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Lartigue mit einer Flüchtling Studentin

Es ist eine Art „Sinn und Gefühl für die Angemessenheit“, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von TNKR umschließt. Lartigues Verlangen nach „Eigenverantwortung auf lokaler Ebene“ und der Wunsch nach„adaptiver Veränderung“ in ein Geschäftsmodel durch jede Ebene seiner Organisation zu bringen.

„Wie kann ich helfen?“, ist eine Frage die klar beantwortet wurde.

 

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